I never promised you a rose garden

2012

 

Die Fotografie galt anfänglich als ein Medium, dem man aufgrund seines dokumentarischen Charakters eine objektive und authentische Funktion zusagte – die Fotografie diente zum Festhalten und als Spiegel der Wirklichkeit. Doch das fotografische Bild ist bekanntermaßen zu weit aus mehr in der Lage, denn es kann den Blick des Betrachters auf die Wirklichkeit bewusst beeinflussen und durch Inszenierung oder Täuschung seine eigene, autonome Realität und Wahrheit schaffen.

Die Fotografien von Karolin Klüppel (*1985 in Kassel) zeichnen sich durch eine bewusste Inszenierung und Arrangierung der einzelnen Personen und Orte aus. Wie ein Regisseur und Drehbuchautor setzt Karolin Klüppel die dem Bild zugrunde liegende Idee und Konzeption schrittweise um und bedient sich einer Art von Fotografie, deren Inhalt bewusst vor der Aufnahme konstruiert ist. In der Serie I Never Promised You a Rose Garden, die im Kontext ihrer diesjährigen Abschlussarbeit entstanden ist, setzt sie nackte junge Männer in der freien Natur in Szene und lässt sie verträumt auf einem Baumstamm liegend ins Wasser blicken, in sich gekehrt zwischen frühlingshaft blühenden Obstbäumen stehen oder als „Petit Julien“ („Manneken Pis“) in eine einsame, romantische Seenlandschaft pinkeln.

In den Aktporträts stehen jedoch nicht die individuellen Merkmale der jungen Männer im Vordergrund, sondern ihre eingenommenen Posen und Haltungen, mit denen die Künstlerin geschlechtsspezifische Rollenspiele inszeniert. In Komposition und Bildthematik greifen die Arbeiten dabei auf gewisse Weise auf Vor-Bilder anderer Gattung zurück, denn nicht nur der klassisch komponierte Bildaufbau, sondern auch die Protagonisten mit ihren ausgeleuchteten, hellen Körpern erinnern an die aus der Mythologie entlehnten nackten Jünglinge der Gemälde eines Caravaggio oder Caracci. Sie rufen Erinnerungen an den nackten Amor oder einen sich im Wasser spiegelnden Narziss hervor, der hier wie die Figur der Leda von Schwänen umgeben ist und sich über die dunkle Wasseroberfläche beugt. Allerdings passiert die Inszenierung der „Knaben“ in zeitgenössischem Umfeld und Medium. Karolin Klüppel dreht die Geschlechter- und Rollenverhältnisse um, durchmischt sie und hinterfragt damit die Klischees dieser einzelnen stereotypen Rollenbilder. Hinzu kommt darüber hinaus eine weitere, außerbildliche Dimension: entgegen der tradierten Darstellung des weiblichen Aktes, der in der Kunstgeschichte meist durch den männlichen Künstler hervorgebracht wurde, ist hier vornehmlich das männliche Geschlecht den Blicken des Betrachters ausgesetzt, und hinter dem sexualisierten Männerbild steht als Schöpfer eine Frau.

In Karolin Klüppels Bildern geht es also nicht nur um den Bezug von Bild zu bildexterner Wirklichkeit wie etwa um die Reflexionen über Geschlechterrollen und Transformation, sondern auch um den interpikturellen Verweis, also um den Diskurs der Bilder, der durch neue Bildmedien neue Akzente und Fragestellungen aufwirft. Die Fotografien hinterfragen nicht nur gewohnte Wahrnehmungsstrukturen und Klischees, es gelingt auch eine ironische Umwertung und Aktualisierung bestimmter Motive, die in die Gegenwart transponiert werden und durch die Distanz zur Tradition auf amüsante Art und Weise die Eigenart der menschlichen Beschaffenheit in der Gegenwart erfassen können.

Carolin Leistenschneider / Galerie für Moderne Fotografie, Berlin, 2012

 

© Karolin Klüppel 2018